Meine Geschichte · Lang-Bio Teil 1
Mann sitzt erschöpft auf der Bettkante am Morgen nach dem ersten Tinnitus-Anfall, Audiogramm und Notizen daneben – Beginn meiner Tinnitus-Geschichte

Mein Weg in die Tinnitus-Hölle – Teil 1: Die Höllenfahrt

Hallo, mein Name ist Dustin Müller. Als ehemaliger – und mehrmals – Betroffener war es mir ein großes Bedürfnis, diese Seite zu schreiben: um anderen Betroffenen mit meinen Recherchen und meinen eigenen Erfahrungen zu zeigen, wie ich zur kompletten Heilung gekommen bin. Aber bevor ich erkläre, was in meinen Ohren passiert ist, muss ich erzählen, wie das alles bei mir überhaupt anfing.

Eins vorweg: Das ist jetzt über 14 Jahre her. An die meisten Szenen erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen – bei ein paar Details kann ich etwas durcheinanderbringen. Das sollte nachvollziehbar sein.

Du suchst die Kurzversion? Diese Langfassung geht in jedes Detail – die Audiogramme, die HNO-Besuche, die einzelnen Durchbrüche. Wenn du es kompakter haben willst, ist die Kurzgeschichte der richtige Ort.

Herbst 2011: Die erste Disco

Man ist 23, hat Energie ohne Ende und denkt, der Körper steckt alles weg. Mit diesem Mindset ging ich auch mit meinen Ohren um. Ich liebte Musik. Jahrelang hörte ich über Kopfhörer so laut, dass meine Eltern es durch die geschlossene Zimmertür hören konnten. Das System war bereits „weichgekocht", ohne dass ich es wusste.

Es fing an mit meinem Cousin. Ich war noch nie in einer Disco gewesen, und er meinte: Komm diesmal mit, in die U60311 in Frankfurt – „die ist nicht so voll wie andere, das macht mega Spaß". Da ich sonst sehr gerne mit ihm privat feierte, zögerte ich kurz und willigte ein. Schon auf der Treppe nach unten, der Raum war sicher noch 40 Meter entfernt, war der Bass heftig zu spüren. Trotzdem: Ich freute mich. Naiv, wie ich war, stellte ich mich drinnen auf den besten freien Platz – knapp sechs bis acht Meter vor den Boxen, mit dem linken Ohr genau zur Schallquelle. Rund vier Stunden. Genau das war der Punkt, an dem mein erster Tinnitus entstand.

Der Morgen danach: Linksdrall

Erst auf der Treppe nach oben, Richtung Ausgang, merkte ich, was für einen Wahnsinns-Druck ich auf den Ohren hatte – links mehr als rechts. Alles klang dumpf, wie unter Wasser, und manche Geräusche taten leicht weh. Ziemlich irritiert fragte ich meinen Cousin, ob er den Druck auch hat. „Ja, ist nicht schlimm, geht wieder weg." Also dachte ich mir nichts weiter dabei, wir fuhren mit der Bahn nach Hause und ich legte mich pennen – im Hinterkopf: morgen ist das deutlich besser.

Am nächsten Morgen schreckte ich aus einem wirren Alk-Traum hoch – und fiel mit starken Gleichgewichtsstörungen direkt zurück ins Kissen. Ich blieb ein paar Minuten liegen, um mich zu sammeln. Beim zweiten Versuch, ganz langsam, merkte ich, was für einen heftigen Linksdrall ich hatte: Den Kopf gerade halten war schwer, aufstehen ohne nach links vorne wegzukippen fast unmöglich. Irgendwann ging es, und ich schlug mich durch den Tag – mit aktivem Gegensteuern. Der Druck war noch da, aber nur noch links und deutlich schwächer als in der Nacht.

Ich bin ein Mensch, der seinem Körper viel zutraut. Also machte ich mir keine großen Sorgen: Die Zeit wird das schon regeln. Und so sah es auch aus – der Linksdrall wurde besser, der Druck verschwand fast. Ich atmete auf.

Tag 3: Es kommt aus mir

Tag 3 nach der Disco. Ich wachte auf und hörte plötzlich ein Geräusch wie ein Kühlschrank-Piepen. Was zum Teufel? Ich ging mit dem Kopf an die Wand. Lauschte an der Steckdose. Checkte den Computer, den Wecker. Nichts. Dann hielt ich mir die Hände auf die Ohren.

Ach du Scheiße. Es kommt aus mir. Es ist in meinem Kopf.

Ich stand minutenlang im Schockzustand. Was ist das? Bleibt das jetzt? Auf dem linken Ohr ein Brummen, Rauschen, Sirenen und ein lautes Piepen. Rechts nahm ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen schwachen Piepston wahr. Trotz des Schocks dachte ich: Das wird schon wieder weggehen.

Die 14-Tage-Frist

Ich tat, was wahrscheinlich jeder in dieser Situation tut: einen Termin bei meinem HNO ausmachen, den ich seit Kindertagen kannte – und bis dahin das Internet durchforsten. Wieso erst dieser Druck, wieso der Schwindel, und wieso jetzt diese Töne, die nicht aufhören? Innerhalb weniger Minuten hatte ich die Antworten: Hörsturz und Innenohrschädigung. Bleibende Höreinbußen, oft Ohrgeräusche. Und dann der Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ: „Es muss innerhalb von 14 Tagen behandelt werden – ansonsten chronifiziert sich das Ganze und man behält es ein Leben lang." Im Forum tinnitus.de las ich Threads von Menschen, die seit fünf Jahren mit dem Ding lebten. Fünf Jahre? Ach du heilige Scheiße.

Der Termin war nur wenige Tage entfernt. Also machte ich mir Mut und harrte aus.

HNO Nummer 1: „Hören Sie da nicht hin"

Betroffener im HNO-Wartezimmer hält seinen Tonaudiometrie-Befund in der Hand, im Hintergrund ein Plakat „Tinnitus? Lernen Sie, damit zu leben“

Als ich endlich ins Behandlungszimmer durfte, spürte ich richtig Erleichterung: Hoffnung, gleich wird alles gut. Ich erzählte kurz und knapp vom Disco-Besuch und was mich seitdem plagte. Er hörte zu, sagte erst mal nichts, schaute mit seinen Instrumenten in die Ohren. Ich fragte nach: Was soll ich jetzt machen, was ist da genau passiert? Er, schon leicht genervt: „Jaa, hören Sie da nicht hin. Hören Sie etwas Musik, um die Töne zu überschatten." Ich: „Aber innerhalb von 14 Tagen muss doch behandelt werden? Und ist weitere Beschallung wirklich sinnvoll?" Er: „Wir machen jetzt erst mal eine Audiometrie." Sprach's und verließ den Raum.

Verdutzt schaute ich ihm nach und fragte mich, ob ein anderer Arzt vielleicht mehr Ahnung hat. Kaum zu Ende gedacht, rief die Assistentin: mitkommen, Audiometrie.

Die Audiometrie: Erst in der Stille merkt man's

Beim Betreten der Schallkabine merkte ich erst, wie heftig meine Gehörschädigung wirklich war. Der Raum war komplett von außen isoliert – und in dieser Stille hörte ich jedes einzelne Geräusch in meinen Ohren, unfassbar laut. Der Test hatte drei Teile: erst die Frequenz und Lautstärke meines Tinnitus bestimmen, dann die allgemeine Hörfähigkeit, zuletzt die Knochenleitung am Schädel – der Kopfhörer saß dafür unterhalb oder oberhalb der Ohren, so genau weiß ich das nicht mehr. Danach: zurück ins Wartezimmer.

Das Urteil: „Lernen Sie, damit zu leben"

Nach kurzer Zeit rief er mich wieder rein, und diesmal wurde es ein längeres Gespräch. Mit dem Befund in der Hand erklärte er mir in ernstem, bestimmtem Ton: Ich hätte mir mit dem Disco-Besuch das Gehör dauerhaft leicht beschädigt, und man könne nichts dagegen machen.

Ich war kurz wirklich sprachlos. Er untersuchte währenddessen noch mal meine Ohren. Leicht zittrig fragte ich, ob es nicht irgendeine Chance gibt, das wieder hinzubekommen. Wieder leicht entnervt: „Sie müssen lernen, damit zu leben. Nicht hinhören, ablenken, Kopfhörer aufsetzen." Auf meine – im Nachhinein absurde – Frage, ob ich weiter in Discos gehen dürfe: „Ja, das macht keine Probleme." Damit verabschiedete er sich und verließ das Zimmer.

Der Schwur

Fassungslos und ziemlich am Boden verließ ich die Praxis, die Befunde in der Hand. Auf der Heimfahrt ging mir nur eins durch den Kopf: Damit werde ich auf keinen Fall mein ganzes Leben leben. Ich schwor mir: Ich versuche alles Erdenkliche, um den Tinnitus wegzubekommen – oder ich will nicht mehr leben. (Das war eher so dahingesagt als wirklich todernst. Trotzdem: Der Zustand war niederschmetternd.)

Zu Hause angekommen, kam ein neuer Schwung Hoffnung. Ich konnte einfach nicht glauben, dass kein Arzt in Deutschland weiß, was Tinnitus ist und wie man ihn behandelt. Also setzte ich mich direkt wieder an den PC und schrieb weitere HNO-Praxen an, bis ich einen zeitnahen Termin hatte.

„Entweder geht der Tinnitus, oder ich gehe. Ich werde es nicht zulassen, dass dieses Ding mein Leben dominiert. Ich muss selber gucken, was man machen kann."

Was das Internet zu bieten hatte

Nächtliche Recherche am Schreibtisch zu ATP, Mitochondrien und Tinnitus – Studien, Notizen und Whiteboard mit dem Energie-Modell

In den paar Tagen bis zum nächsten Termin machte ich mich zum ersten Mal richtig schlau – und stieß auf eine erschlagende Fülle von Informationen, wie man mit Tinnitus umgeht, was helfen soll und was Tinnitus angeblich überhaupt ist:

HNO Nummer 2: Ginkgo und ein Halbsatz

Am Morgen des zweiten Termins war der Tinnitus plötzlich deutlich lauter – auch der leise Piepton rechts. Ich konnte mir nicht erklären, warum. (Später konnte ich es auf die Beschallung zurückführen: Musik und nachts weißes Rauschen, alles auf ärztlichen Rat.) Noch bedrückter als ohnehin machte ich mich auf den Weg.

Dieser HNO war wirklich freundlich und aufbauend. Der Tinnitus sei noch recht frisch, der verschwinde mit der Zeit sicher wieder. Er verschrieb Ginkgo, empfahl genügend Schlaf und Bewegung für die Durchblutung. Ich stellte meine Fragen. Kopfhörer? „Das ist sogar vorteilhaft, um sich abzulenken." Discos? Da war ich überrascht: Die solle ich erst mal einige Wochen meiden. Und die drei Monate, ab denen ein Tinnitus chronisch sein soll? „Schauen wir erst mal, wie es Ihnen die nächsten Wochen geht." Ich: „Aber ist er dann wirklich nicht mehr heilbar?" Er, etwas überrumpelt: „Man kann auch lernen, ihn zu kompensieren – also vollständig auszublenden."

Da war er wieder, dieser Halbsatz.

Viele Wochen vergingen

So vergingen die nächsten Tage und Wochen, in der Hoffnung, dass Abwarten, Ginkgo und die Tipps vom Arzt den Tinnitus kleiner machen – oder ganz wegbringen. Der Ton ging auf und ab. Tagsüber war ich durch die Schule gut abgelenkt. Abends bis zum Einschlafen überdeckte ich ihn mit Kopfhörer-Musik und weißem Rauschen von YouTube – Wasserfälle, den ganzen Abend. So ließ sich das einigermaßen ertragen. Dachte ich.

Der zweite Hörsturz: Ein halber Salto im Kopf

Irgendwann, nach einigen Wochen, kam das Erwachen. Ich wachte auf und hatte wieder dieses Druckgefühl im linken Ohr. Ich redete mir ein, das sei nach einem Hörsturz wohl normal, so was komme mal wieder und habe nichts zu bedeuten – und fuhr zur Schule. Schon auf der Fahrt merkte ich, dass mir schwindlig war und der Linksdrall zurück war; die Spur zu halten wurde schwierig. Eigentlich wäre es klüger gewesen, umzudrehen. Aber der Unterricht kostete Geld, und ich wollte nichts verpassen.

Und ich hatte das Autoradio an. Richtig laut. Meine Lieblingslieder liefen, ich ging voll mit, spürte den Bass im Auto vibrieren – Leute im Nachbarwagen schauten rüber. Es fühlte sich großartig an, mal abgesehen von diesem Scheiß-Tinnitus. Im Nachhinein war das fast eine Dreivierteldisco.

In der ersten Stunde ging es los: Hörverzerrung, und normale Geräusche taten plötzlich weh – Hyperakusis. Ich versuchte, dem Unterricht zu folgen und das Ganze zu ignorieren. Das gelang mehr schlecht als recht; ich verstand kaum, was vorne gesagt wurde. Im Laufe der nächsten Stunden nahm der Druck im linken Ohr immer weiter zu. Unruhig, aber ohne mir etwas anmerken zu lassen, saß ich das aus – bis auf einmal meine Sicht anfing, sich vertikal zu drehen. Wie ein halber Salto im Kopf.

Das dauerte nur Sekunden. Dann war das Bild wieder normal, aber es blieben ein heftiger Schwankschwindel, mein alter Linksdrall und dieses dumpfe Hören links. Voller Panik versuchte ich, mir einen Reim darauf zu machen, was da gerade in mir passierte – und vor allem, dass niemand um mich herum etwas davon mitbekam. Aus Peinlichkeit. Ich wollte sofort raus, nach Hause, aber ich wollte auch auf keinen Fall auffallen. Also blieb ich sitzen. Gott sei Dank war es nicht mehr lang bis zur Pause. Als es klingelte, schnappte ich meine Tasche und machte mich aus dem Staub.

Die Heimfahrt war fahrlässig: Wegen des Schwindels musste ich alle paar Sekunden gegenlenken. Aber ich wollte einfach nur nach Hause, und die Strecke war kurz. Rückblickend war das eine der stressigsten Situationen überhaupt – der Körper spielte komplett verrückt, und dazu die Angst, dass jemand die Panik bemerkt.

HNO Nummer 3: „Erneuter Hörsturz" – und ein Angebot

Kaum zu Hause, zögerte ich diesmal nicht und machte noch am selben Tag einen Termin aus – HNO Nummer 3, sehr zeitnah. Ich erzählte ihm, was im Unterricht passiert war. Er hörte zu, fällte aber erst mal kein Urteil, sondern schickte mich zum Hörtest und – weil ich eine verstopfte Nase erwähnte – zum Geruchstest. Danach ein Test auf „gutartigen Lagerungsschwindel": Kopf in bestimmte Positionen legen. Das veränderte absolut nichts. Er verließ das Zimmer und sagte, eine Kollegin werde mich gleich noch mal aufrufen.

Die Ärztin sagte mir in einem besorgten, aber zuversichtlichen Ton, dass ich erneut einen Hörsturz habe – der gebe sich sehr wahrscheinlich in den nächsten 14 Tagen. Und da der Geruchstest ergab, dass ich schlechter rieche als der Otto Normalbürger, könne der Tinnitus auch von den verstopften Nebenhöhlen kommen. Der erneute Hörsturz schockte mich; der Rest baute mich fast wieder auf. Bis sie, völlig unerwartet, nachschob: „Wissen Sie, viele verfallen bei so etwas in Depressionen. Wenn die Beschwerden bleiben, kann ich Ihnen gerne Antidepressiva verschreiben."

Ich saß da und dachte, ich höre nicht richtig. Mein Gleichgewicht war zusammengebrochen – und die Lösung sollten Psychopharmaka sein? Beim Verlassen der Praxis dachte ich nur noch: Bitte, lieber Gott, lass diese ganze Palette an Symptomen in diesen 14 Tagen verschwinden. Ich wollte damit nicht leben, und ich wollte ganz sicher keine Psychopharmaka.

HNO Nummer 4: Der Spezialist und die Kopfsache

Zu Hause überlegte ich hin und her, was ich noch tun könnte – und da fiel mir die Cortison-Therapie wieder ein, von der ich im Internet gelesen hatte. Kein Arzt hatte sie bisher auch nur erwähnt. Also suchte ich diesmal gezielt nach einem HNO, der auf Hörsturz und Tinnitus spezialisiert ist. Der Termin ließ auf sich warten.

Da Schwankschwindel, Gleichgewichtsstörungen, Hörverzerrung, Überempfindlichkeit, Druck im Ohr und natürlich der Tinnitus unverändert blieben, pausierte ich die Schule. Und verbrachte einen großen Teil des Tages im Forum tinnitus.de. Dort fiel mir auf, dass sehr viele ihren Tinnitus genauso bekommen hatten wie ich – Disco, laute Musik, Knalltrauma. Und ich las, was andere schon versucht hatten: hyperbare Sauerstofftherapie (im Forum eher negativ bewertet – schnell wieder ignoriert), TRT-Geräte (angeblich nur kurzfristig, langfristig oft schlimmer, und keine Kassenleistung – von meiner Liste gestrichen), sogar Operationen mit Implantat (für mich nur als allerletzter Notfall – ganz weit nach hinten auf die Liste). Über die Cortison-Therapie hieß es durchweg: bringt nichts. Ich nahm das zur Kenntnis. Aber ich hatte damals noch einen sehr starken Ärzteglauben, und ich wollte mein Leben lang nicht bereuen, eine hochgelobte Möglichkeit nicht versucht zu haben.

Dann der Termin. HNO Nummer 4. Trotz allem hatte ich wieder große Hoffnung: ein Spezialist, und die Cortison-Therapie stand noch offen. Eine Audiometrie wollte er zuerst – als ich sagte, dass ich schon zwei hatte, ließ er es, wegen der Kasse. Also erzählte ich. Die Disco, die anderen HNOs, die Schule, der Salto, alles, in einem langen, monotonen Vortrag. Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Und dann, statt auf irgendetwas davon einzugehen: „Haben Sie schon mal von kognitiver Verhaltenstherapie gehört?"

Ich: „Nein, nicht wirklich. Was soll das bedeuten?"
Er: „Ihr Problem besteht vor allem darin, dass Sie sich zu sehr auf Ihre Gehörprobleme konzentrieren. Damit halten Sie den Tinnitus aufrecht und verstärken ihn."
Ich: „Oh, das ist interessant … achso, deswegen heißt es also andauernd, man soll sich ablenken."
Er: „Nach neuester Forschung ist chronischer Tinnitus vor allem eine zu starke Fokussierung des Gehirns auf die Geräusche."
Ich: „Aber das Geräusch ist doch durch den Disco-Besuch entstanden, durch den Hörsturz, durch die Schädigung …"

Auf die Cortison-Frage: Das mache nur in den ersten 14 Tagen Sinn. Bei mir müsse man von einem Phantom-Geräusch ausgehen – das Gehirn versuche, die verlorenen Frequenzen zu kompensieren und erzeuge selbst einen Ton; je mehr ich mich darauf konzentriere, desto lauter und dauerhafter werde er. Dann noch TRT, sehr vielversprechend. Ich sagte, dass ich Gegengeräusche längst probiert hatte und mein Tinnitus davon langfristig nur schlimmer geworden war. Er stand auf: Ich müsse dafür die speziellen Geräte benutzen, und das langfristig. Handschlag, Verabschiedung.

Der Forum-Post: Ein Laser, ein Arzt in Regensburg – und meine Liste

Diesmal war ich wirklich verzweifelt. Die Cortison-Therapie, in meinen Augen die vielversprechendste Möglichkeit, war vom Tisch – und ein „Tinnitus-Experte" hatte mir gerade erklärt, mein Kopf erzeuge die Geräusche selbst. Der einzige Trost: Die drei Monate waren noch nicht um. Und das Forum. Dort verbrachte ich Tage. Wochen.

Irgendwann stieß ich in der Rubrik „Erfahrungsberichte", auf den hintersten Seiten, auf ein Thema namens „Was hat euch wirklich geholfen". Der erste Eintrag kam von einem Nutzer, der sich „Tinnitus-Patient" nannte. Bei ihm habe nur eines geholfen: eine sogenannte Low-Level-Laser-Therapie. Damit seien Tinnitus und alle anderen Ohrprobleme komplett geheilt worden. Alles andere – genau die Sachen, die ich auch schon durchhatte – habe bei ihm nichts gebracht.

Dieser Post hat mich damals hart getroffen. Ich hatte gefühlt das halbe Internet durchsucht, nach Ärzten, Kliniken, Studien, Betroffenen mit einer anerkannten Heilungsmethode – und dann kommt einer so einfach daher und schreibt, er sei mit einer skurrilen Laser-Therapie geheilt worden. Sofort Hoffnung, Erleichterung, Freude. Und direkt dahinter eine große Portion Skepsis: In den Kommentaren darunter wurde die Methode in der Luft zerrissen. Ich war hin- und hergerissen. Es wäre so schön gewesen, endlich einen Strohhalm zu haben.

Ich googelte: „Low Level Laser Therapie Tinnitus", „LLLT". Und fand – wie bei TRT und allem anderen – vor allem Schlechtes: gefährlich, Scharlatanerie. Angeboten wurde das Ganze nicht von einer Klinik oder einem „normalen" Arzt, sondern nur von einem gewissen Dr. Wilden in Regensburg. Privatpraxis, keine Kasse, angeblich teuer. Und so strich ich – mit schwerem Herzen – auch diese Therapie von meiner Liste.

Vorerst.

Der Tiefpunkt: Mein eigener Geburtstag

Die Tage vergingen, und die Ohren wurden schlimmer. So schlimm, dass ich meinen eigenen Geburtstag – etwa eineinhalb Monate nach dem ersten Hörsturz – abbrechen musste. Die Hyperakusis und die Hörverzerrung machten mich wahnsinnig, und ich verstand oft nicht mehr, was meine Freunde und Verwandten sagten: Der Tinnitus übertönte das Gesprochene, und manche Buchstaben klangen plötzlich anders als vorher – ein „S" wie ein „F", ein „T" wie ein „D". Ich hielt es nicht mehr aus und fuhr nach Hause.

Auch der Schwindel wurde immer schlimmer, phasenweise so, dass ich den Halt verlor und umzukippen drohte. (Später stellte sich heraus: Morbus Menière.)

Da saß ich also. Keine Schule mehr, kein Weiterkommen. Isoliert, abgeschottet – vor Lärm, vor Freunden, vor dem Leben. Von den Ärzten verlassen, und von ihnen eingetrichtert bekommen, mein Kopf spinne und ich bräuchte Antidepressiva.

Die Tage darauf kam allerdings ein echtes Schlüsselerlebnis dazu.

Das erste Schlüsselerlebnis: Der Sauger in der Uniklinik

Als hätte ich nicht schon genug gehabt, kam noch etwas obendrauf: eine deftige Gehörgangsentzündung. Dazu muss ich sagen, dass ich seit meiner Kindheit Neurodermitis und Schuppenflechte habe, vor allem in den Gehörgängen – und durch die angegriffene Haut, Schwimmbadwasser und Wattestäbchen gegen den Juckreiz hatte ich ständig Infektionen im Ohr. Ausgerechnet an einem Wochenende, spät abends. Rückblickend war das ein echter Glückstreffer.

Vor Schmerzen schleppte ich mich in die Notaufnahme der Uniklinik Frankfurt. Und weil die einen guten Ruf hat, nutzte ich die Chance und erzählte dem Arzt meine Tinnitus-Geschichte. Er nahm sie zur Kenntnis, konzentrierte sich aber erst mal auf die Entzündung – untersuchte die Ohren und fing an, die Gehörgänge mit einem winzigen Sauger abzusaugen.

Und genau da passierte es. Innerhalb von Sekunden spürte ich, wie der Tinnitus im linken Ohr aggressiv auf den Krach reagierte, der sich da direkt im Gehörgang abspielte. Beim rechten Ohr danach: exakt dasselbe. Damit konnte die These, das Ganze spiele sich in meinem Kopf ab, einfach nicht stimmen. Die Quelle saß immer noch da unten im Ohr.

Während ich noch auf dem Stuhl saß, fasste ich in dieser Minute den Entschluss, herauszufinden, wieso mein Gehör so krass auf Lautstärke reagiert – und, wichtiger: was passiert, wenn man Lärm über längere Zeit konsequent weglässt.

Die Uniklinik: Cortison, Laptop, Mullbinden

Als er fertig war, fragte er, wie lange der Hörsturz her sei. Etwa zwei Monate. Cortison gebe man normalerweise nur beim akuten Hörsturz, meinte er – aber da ich noch unter drei Monaten war, sei es einen Versuch wert. Ich sagte sofort zu. Er besprach sich kurz mit den Kollegen (immerhin war ich mitten in der Nacht spontan reingekommen), dann willigten alle ein. Meine Eltern brachten mir Wäsche und meinen Laptop, und ich verbrachte die Nacht im Krankenhaus.

Der Morgen kam, nach wenig Schlaf – und beim Aufwachen merkte ich sofort, dass der Tinnitus noch mal deutlich schlimmer geworden war. Verzweifelt und gleichzeitig aufgeregt sagte ich mir: Der Zusammenhang zwischen Lärm und Verschlechterung muss einfach stimmen. Dann wurde ich zur HNO-Station gerufen. HNO Nummer 6. Erst mal eine Audiometrie – und tatsächlich, alle Werte hatten sich sichtbar verschlechtert: der Tinnitus lauter, die Höreinbußen größer, und auch der Sprachverständnis-Test fiel entsprechend schlecht aus.

Ich fragte auch diesen Arzt, was ich denn tun könne. Er reagierte nicht. Ich setzte nach – und sagte ihm klipp und klar, wenn der Tinnitus nicht wegginge, beende ich mein Leben. (Wie gesagt: eher dahingesagt. Ich wollte die Ärzte unter Druck setzen, damit sie alles tun, um mir zu helfen.) Er: „Nicht doch, sagen Sie so etwas nicht, wir kriegen das schon in den Griff. Sie bekommen jetzt erst mal die Infusionen."

Zurück im Zimmer, innerlich total hibbelig, setzte ich mich sofort an den Laptop. Ich musste rausfinden, was es mit dem Lärm und der Verschlechterung auf sich hatte – es hieß doch, chronischer Tinnitus sei reine Kopfsache. Ich googelte so etwas wie „Tinnitus schlimmer durch Lärm" – und landete direkt wieder bei diesem „Tinnitus-Patienten" aus dem Forum, diesmal auf seiner eigenen Internetseite. (Dass der auch noch eine eigene Website hatte, hat mich damals echt beeindruckt.) Dort stand ausführlich, dass weiterer Lärm den Tinnitus und alle anderen Gehörprobleme verschlechtert. Und ein Link zu Dr. Wilden. Ich klickte drauf.

Diese Seite war eine Offenbarung. Was dort stand, passte genau zu dem, was ich gerade beim Absaugen erlebt hatte. Ich las sie rauf und runter und war mir immer sicherer: Diese Laser-Therapie und Wildens Aussagen müssen einfach stimmen. Meine Hoffnung war wieder ganz oben. Nur: Ich war Schüler und hatte schlicht nicht das Geld für eine vermutlich sehr teure Behandlung. Also verließ ich mich erst mal auf das Cortison.

Nach drei Tagen wurde ich entlassen. Und erstaunlicherweise war der Tinnitus irgendwann in diesen Tagen tatsächlich merkbar leiser und weniger aggressiv geworden. Ich freute mich wie irre – war aber verwirrt, woran das jetzt genau lag.

Zuerst glaubte ich an das Cortison. Doch als ich in den Tagen danach wieder auf Wildens Seite las, wie entscheidend es ist, aktiv die Stille zu suchen und am besten Ohrstöpsel zu tragen, traf mich der Blitz: Seit der Behandlung im Krankenhaus waren beide Ohren komplett mit Mullbinden zugestopft! Meine Ohren waren tagelang von der Außenwelt abgeschottet gewesen – und damit von jedem Lärm. Man kann sich vorstellen, was für ein Gefühlschaos da losging: Verwunderung, Hoffnung, Erleichterung, Angst, Wut auf die Ärzte, die so etwas nicht wissen. Aber noch war eine zu große Portion Skepsis dabei. Vielleicht war das alles nur Zufall. Vielleicht wird es von allein wieder schlimmer. Vielleicht war es doch nur das Cortison.

Als nach etwa einer Woche die Mullbinden rauskamen, merkte ich es aber ganz deutlich: Mein Gehör hatte sich etwas erholt, alle Symptome waren kleiner geworden. Ich wusste noch nicht, was ich damit anfangen sollte – aber ab jetzt setzte ich meine Ohren, gegen jeden ärztlichen Rat und die allgemeine Meinung im Internet, keinem unnötigen Lärm mehr aus. Keine Musik, keine Kopfhörer, kein Staubsaugen.

Junger Mann im Krankenhausbett mit Mullbinden in den Ohren bemerkt überrascht die erste Linderung seines Tinnitus durch die Stille

Der Knall: Der Tinnitus ist nichts Festes

Ein paar Tage vergingen. Und dann kam der endgültige Beweis – wieder dank der Entzündung. Weil noch eine leichte Restentzündung da war, musste ich immer wieder ein kleines Fläschchen direkt ans Ohr halten, aus dem Creme kam. Und plötzlich gab es einen richtig heftigen Knall mitten im Ohr (wahrscheinlich hatte sich ein kleiner Pfropfen an der Öffnung gebildet). In Sekundenbruchteilen heulte mein Tinnitus auf – ABER er kehrte innerhalb kürzester Zeit auf sein „normales" Niveau zurück.

Nach diesem Knall war ich so was von euphorisch, weil mir klar wurde: Der Tinnitus ist nichts „Festes", sondern dynamisch. Er reagiert auf Lärm – und wenn man noch einen Schritt weitergeht und nahezu in Stille lebt, reduziert er sich. Zumindest in meinem Fall, beim lärmbedingten Tinnitus, war das ab jetzt nicht mehr von der Hand zu weisen.

Ab jetzt verbrachte ich so viel Zeit wie möglich in Stille. Musik, Filme, Freunde treffen wurden zu einer Art Belohnung – wenn ich vorher lang genug die Ohren geschont hatte. Und wenn, dann ohne Kopfhörer, sehr leise, ganz kurz.

Die Tage und Wochen vergingen. Die Monate vergingen.

Monat 8: Stillstand bei 25 Prozent

Und was soll ich sagen: Tatsächlich reduzierte sich der Tinnitus von Monat zu Monat, samt der anderen Gehörprobleme. Rückblickend würde ich sagen, nach etwa acht Monaten seit der Disco war er um ein Viertel leiser – und pendelte sich da ein.

Natürlich konnte ich die komplette Stille nicht die ganze Zeit durchziehen. Allein eine notwendige Autofahrt – 200 Kilometer hin und zurück, und ja, selbst bei geschlossenen Fenstern ist eine längere Fahrt Lärm für die Ohren – ließ den Tinnitus wieder auf das Niveau von vor einer Woche zurückspringen. Eine Woche umsonst geschont. Genauso jede andere Art von Beschallung (alles ausgetestet damals). Sogar der Versuch, abends kurz und auf einem Viertel der üblichen Lautstärke Kopfhörer zu hören, führte zum Stopp oder zum Rückschritt.

Und dann blieb er einfach stehen. Bei etwa 20 bis 25 Prozent Verbesserung – egal, was ich versuchte. Ich vermied Gespräche, trug ständig Ohrstöpsel, saß den ganzen Tag allein in meinem Zimmer und hatte sogar die tickende Wanduhr rausgeräumt. Ich ging nicht mal mehr einkaufen. Das Einzige, was ich in diesen Wochen tat, war lesen und zocken – ohne Ton, versteht sich. Ich weiß, das liest sich schon etwas stark paranoid. Aber ich hatte so die Schnauze voll, nach acht Monaten Tinnitus und sechs Monaten ohne Erlebnisse, dass ich das einfach in Kauf nahm.

Trotzdem: Ich horchte morgens genau hin, oft mit Ohrstöpseln zur besseren Kontrolle – und es tat sich nichts mehr. Null.

Irgendwann war so ein Leben in völliger Stille und ohne Menschen einfach nicht mehr zu ertragen. Aus Sehnsucht fing ich an, wieder halbwegs normal zu leben. Und es kam, wie es kommen musste: Der Alltagslärm, selbst mit Ohrstöpseln, machte den Tinnitus wieder deutlich lauter – obwohl ich Musik, Staubsaugen und alles andere Laute weiterhin strikt mied. Das machte mich fertig. Ich hatte wirklich gedacht, ich hätte die Lösung und müsste sie nur lang genug durchziehen. Ich saß in einem Dilemma.

Kiefer, Nacken, Atlas: Die Sackgasse

Also setzte ich mich wieder an den PC und suchte alles zum Zusammenhang von Kiefer und Tinnitus. Es dauerte nicht lang, da stieß ich auf CMD – Craniomandibuläre Dysfunktion. Die Symptome passten genau: Knacken beim Kauen – check. Schläfenschmerzen, Spannungskopfschmerzen – check. Zahnschmerzen, wie mir die Zahnärztin schon gesagt hatte – check. Und CMD gehe oft mit einem HWS-Syndrom einher – auch mit dem Nacken hatte ich oft Beschwerden. Beim Zahnarzt bekam ich eine Beißschiene. In einem orthopädischen Zentrum wurde nach einer CT-Untersuchung ein HWS-Syndrom festgestellt; wenn das behoben sei, verbessere sich auch der Tinnitus, versicherte mir der Arzt. Ob er schon anderen Tinnitus-Betroffenen geholfen habe? Kurz und knapp: „Ja."

Er verschrieb ein spezielles Krafttraining (Med X), das gezielt die Muskel-Dysbalancen im Rumpf, in den Schultern und vor allem im Nacken ausgleicht. Gesagt, getan. Mit eisernem Willen zog ich beides durch – Schiene nachts, Training regelmäßig – und hielt parallel weiter Stille. Selbst auf der Fahrt zum Training trug ich Ohrstöpsel, und im Auto obendrauf noch Bauarbeiter-Gehörschutz.

Viele Wochen vergingen. Kiefer und Nacken wurden besser. Als ich die Zwei-Monats-Marke erreichte, kam die Ernüchterung: Am Tinnitus veränderte sich absolut nichts. Ich verstand es nicht – ich merkte doch immer noch, dass er auf Kiefer- und Kopfbewegungen mit Schriller-Werden reagierte. Es musste doch einen Zusammenhang geben. Und da fiel mir ein, dass es noch einen Strohhalm gab: die Atlas-Korrektur. Die hatte ich verworfen, solange ich die Ärzte im Rücken hatte. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als meine Eltern um Geld zu bitten.

Nach einigem Hin und Her hatte ich es, und wenige Tage später fuhr ich die rund 200 Kilometer zu dem Heilpraktiker. Und tatsächlich: Anders als die Ärzte vorher ertastete und sah er – an meinem Gang und an einer Beinlängendifferenz –, dass mein Atlas deutlich schief stand. Mit einem speziellen Gerät lockerte er die Nackenmuskeln, dann brachte er den Atlas mit gezielten Handgriffen zurück in Position. Mann, war das ein seltsames Gefühl. Du kannst dir denken, was ich als Erstes tat? Richtig: reingehorcht. Nur hatte die lange Autofahrt den Tinnitus sowieso schon verändert, und der Heilpraktiker meinte, das Ganze wirke erst mit der Zeit nach.

Nebenbei erwähnte ich in der Anamnese meine Gastritis, an der ich seit fast einem Jahr herumlaborierte. Er empfahl mir eine Ernährungsumstellung, Flohsamenschalen, eine Mineralerden-Mischung und Probiotika. Und tatsächlich: Damit bekam ich die widerspenstige Magenschleimhautentzündung endgültig weg. Das hatte mich damals schon sehr beeindruckt.

Abermals vergingen die Monate. Der Tinnitus jährte sich, die Atlas-Korrektur war gut zwei Monate her – und es passierte: nichts. Gut, fast nichts: Nacken und Kiefer waren so gut wie beschwerdefrei. Aber der Tinnitus ließ sich davon nicht beeindrucken. Ich konnte ihn weiterhin mit Kiefer und Nacken beeinflussen, und trotzdem hatte jede Behandlung dieser Körperteile schlicht nichts gebracht. Ich verstand gar nichts mehr.

Der letzte Strohhalm: Ein Anruf in Regensburg

Das Letzte, was blieb, war die Laser-Therapie. Nach Tagen des Hin und Her und noch mal konzentriertem Lesen auf Wildens Seite stand der Entschluss: Ich muss das ausprobieren, auch wenn es mehrere hundert Euro kostet. Durch die vielen Monate, in denen ich weder rausging noch irgendwas kaufte, hatte sich immerhin etwas Geld angesammelt. Also rief ich an. Zu den Kosten sagte man mir noch nichts – ich solle erst mal meine Audiometrie per E-Mail an die Praxis schicken. Gesagt, getan.

Meine Mail, März 2012 (Original-Wortlaut):

Sehr geehrter Herr wilden,
erstmal vorab, vielen vielen dank für ihre tollen Bemühungen der Aufklärung des Innenohrschadens wo sie vielen anderen Ärzten weit vorraus sind!
ich schreibe ihnen, weil ich gerne von ihnen wissen möchte, wie sie die beigelegte Hörkurve deuten würden und ob und wielang die Regeneration per low-Level-Laser in etwa dauern würde.
ps: dank ihr tollen Webseite: dasgesundeohr.de, war ich schon in der lage mein tinnitus um einiges zu „beruhigen"
pps: mein Tinnitus besteht aus einem leiseren rauschen und einem ziemlich lauten piepston in beiden Ohren – unter diesen leide ich seit etwas über 1 jahr infolge zweier Hörstürze ausgelöst durch zu laute Musik.
Mit freundlichen grüßen, Dustin Müller

Die Antwort, 06.03.2012:

Sehr geehrter Herr Müller,
vielen Dank für Ihre Anfrage, Ihre Hörkurve und Ihre positiven Rückmeldungen bezüglich www.dasgesundeohr.de und unseren dortigen Empfehlungen bezüglich eines aktiven Selbstschutzes gegen Alltagslautstärke.
Ihre Hörkurve zeigt eine für Ihre Beschwerden typische Innenohrüberforderung beidseits im Hochtonbereich (4 KHz), links mehr als rechts. Da Ihre Innenohrüberforderung im 4 KHz-Bereich gerade noch über bzw. gerade bei 30 dB liegt, befinden sich Ihre dortigen Hörzellen in einem auf die hochdosierte Low-Lasertherapie nach Dr. Wilden® sehr gut reagierendem Qualitätsniveau. D.h. Sie können sich von einer 5-10 tägigen Therapie sehr gute Ergebnisse erwarten.
Gerne können Sie mich dazu auch anrufen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Lutz Wilden
Wichtig für alle Innenohrpatienten ist es sich vor Alltagslautstärke zu schützen.

Damit stand mein Entschluss endgültig fest. Ich rief noch mal an und sprach diesmal tatsächlich mit Dr. Wilden persönlich. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr – nur daran, dass er mir versicherte, meine Ohren würden sehr gut auf den Laser ansprechen; es seien allerdings etliche Behandlungen nötig, und die Gesamtkosten könne er erst nach den ersten Sitzungen sagen. Der Termin sollte in den nächsten Wochen folgen.

Dazu kam es nie. Denn sehr kurz nach dem Telefonat passierte das Wichtigste von allem. Und das hatte mit meinem Vater zu tun.

Vitamin B12: Das wichtigste (zufällige) Schlüsselerlebnis

Mein Vater litt damals an Polyneuropathie, einer Nervenkrankheit. Weil trotz Medikamenten keine Besserung eintrat, ließ er – auf Anraten meiner Schwester – beim Hausarzt einen Vitamin-B12-Test machen. Ergebnis: ausgeprägter Mangel. Der Arzt verschrieb B12-Ampullen und zeigte ihm, wie man sich die Injektion selbst setzt. Als er sich eines Abends direkt vor meinen Augen eine setzte, sagte er kurz danach: Die Schmerzen seien weniger, und ihm sei wieder wärmer. Man sah es ihm an. So eine kleine Ampulle mit roter Flüssigkeit – und das bewirkt so etwas?

Die Szene ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich las nach: B12 ist das Nerven-Vitamin schlechthin. Bei lang anhaltendem Mangel können Nerven dauerhaft geschädigt werden. Besonders gefährdet: Vegetarier – das war ich seit meinem 15. Lebensjahr – und Menschen mit Gastritis, die ich gerade erst losgeworden war. Hören diese Quälereien denn niemals auf? Erst über ein Jahr diese Ohren, und jetzt vielleicht ein bleibender Nervenschaden? Getrieben von dieser Angst ging ich zu meinem Hausarzt (demselben wie mein Vater). Er willigte ein. Die Tage vergingen.

Ergebnis: Mangel bestätigt. Zwar nicht so schlimm wie bei meinem Vater, aber am untersten Rand der Skala. Ich saß da und hörte in Gedanken schon den nächsten Satz – „gut, dann brauchen auch Sie vorübergehend Injektionen". Doch nein. Mein Hausarzt sagte nur: „Nun gut, Sie befinden sich also noch im Normalbereich und benötigen vorerst keine Injektionen." Ich redete auf ihn ein, dass ich in kürzester Zeit in einen echten Mangel rutschen könnte. Er ließ sich nicht umstimmen. Und weil mein Ärzteglaube damals immer noch groß war, schluckte ich mein Missfallen runter und vertraute ihm. Geknickt und frustriert verließ ich die Praxis.

Abends brauchte mein Vater die nächste Spritze, und ich kam ins Grübeln. Soll ich ihn fragen, ob er mir auch eine gibt? Aber der Arzt meinte doch, mein Wert sei in Ordnung – riskiere ich Nebenwirkungen durch eine Überdosis? Andererseits: der drohende Nervenschaden. Und meinem Vater hatte es sicht- und spürbar geholfen. Und meine Gastritis hatte auch kein Arzt wegbekommen, sondern der Heilpraktiker. Also wagte ich es und ließ mir eine Injektion geben – mit echt mulmigem Gefühl. (Wichtig: Ich rate ausdrücklich davon ab, das ohne ärztliche Begleitung nachzumachen.)

Und … wow. Nach wenigen Minuten spürte ich Wärme im ganzen Körper, bessere Durchblutung – genau wie mein Vater gesagt hatte. Dazu fühlte ich mich ausgeglichener, klarer, fitter im Kopf. Ich ging entspannt ins Bett.

Am nächsten Morgen: das absolute Wunder. Sekunden nach dem Aufwachen merkte ich es – der Tinnitus hatte sich deutlich reduziert. Von 25 Prozent Verbesserung auf gut 40. Ich lag da, fassungslos, den Tränen nahe. Zittrig und in heller Euphorie fragte ich mich minütlich: Was ist passiert? Was hat das ausgelöst?

Es dauerte nicht lang, da fiel mir die Spritze wieder ein. Wie ferngesteuert durchsuchte ich das Internet nach B12 und Tinnitus – und fand tatsächlich einiges: Erfahrungsberichte, Hinweise, dass B12-Mangel Tinnitus auslösen kann, sogar eine kleine Studie, in der Tinnitus-Patienten mit B12-Mangel sich nach B12-Gabe deutlich besserten. Was für ein Glück, so eine Zufallsentdeckung zu machen, ging mir durch den Kopf.

Doch noch am selben Tag kam die Ernüchterung: Der Tinnitus wurde wieder lauter – ohne dass ich irgendetwas verändert hatte. Frustriert dachte ich schon, es sei doch nur Zufall gewesen. Bis mir kurz vorm Einschlafen auffiel: Er war zwar schlechter geworden, aber nicht bis zu dem Punkt wie vor der Spritze. Und am nächsten Morgen: wieder 40 Prozent. Und wieder eine Verschlechterung im Tagesverlauf. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Aber eins hing seitdem in meinem Kopf: Auf Wildens Seite stand, sein Laser rege die Energieproduktion in den Zellen an – ATP. Und B12 braucht der Körper genau dafür. Vielleicht brauchte ich den teuren Laser gar nicht. Vielleicht konnte ich die Energie auch über Nährstoffe anheben.

Gallenkolik und Lecithin: Der Baustoff

Während ich auf ein hochdosiertes Multivitamin-Präparat aus den USA wartete, saß ich eines Abends wie immer am PC – und konnte mich plötzlich kaum noch bewegen. Starke ziehende Schmerzen rechts im Bauch. Uff … na toll, jetzt noch der Scheiß. Das Internet (mittlerweile war ich darin geübt) sagte: akute Gallenkolik durch Gallensteine. Stunden vergingen, es wurde nicht besser, und tief in der Nacht schleppte ich mich gekrümmt ins Krankenhaus.

Die Ärztin bestätigte die Gallenkolik und riet mir, gleich dazubleiben – am nächsten Morgen werde operiert, Gallenblase raus. Das kam für mich absolut nicht infrage; Operationen waren für mich immer die allerletzte Option. Ich fragte nach Alternativen. Sie, sichtbar und hörbar genervt: Man könne die Steine zwar auch anders auflösen, aber die kämen dann immer wieder, solange die Gallenblase drin sei. Nach minutenlangem Hin und Her unterschrieb ich eine Einverständniserklärung und ging auf eigene Gefahr nach Hause. (Wichtig: Bei Gallensteinen unbedingt ärztliche Begleitung suchen – das hier ist meine ganz persönliche Erfahrung in einer akuten Situation, kein Behandlungsrat für andere.)

Kaum draußen, sagte ich mir: Auch dafür muss es eine Lösung geben, wie beim Tinnitus. Und tatsächlich, wieder ein Betroffener in einem Forum: Monatelange Einnahme von Lecithin-Granulat habe seine Gallensteine komplett aufgelöst, sichtbar im Ultraschall. Nach den Erfahrungen mit Nährstoffen glaubte ich das sofort, besorgte mir am nächsten Tag eine Dose, nahm die empfohlenen 30 Gramm – und spürte tatsächlich, wie der Druck im rechten Oberbauch nachließ.

Das eigentliche Highlight kam drei Tage später. Nach einer B12-Injektion, kurz darauf fleißig Lecithin – und am Tag danach war der Tinnitus plötzlich noch mal deutlich leiser. Nach Monaten Stillstand stand er auf einmal bei 60 bis 65 Prozent Verbesserung. Nur noch ein Drittel bis zur kompletten Heilung! Wieder den Tränen nahe fragte ich mich: Warum ausgerechnet Lecithin? Ich las alles darüber, was ich finden konnte – und stieß auf etwas Entscheidendes: Lecithin ist ein wichtiger Baustoff für die Nervenummantelung, die Myelinschicht.

Warte mal, Myelinschicht? Das hatte ich doch schon mal gelesen. Ich rief den Artikel wieder auf: Bei Lärm werde genau diese Umhüllung der Nervenzellen beschädigt – „ähnlich wie wenn der Plastikschutz eines dünnen Stromkabels zerstört ist". Und B12 sei das wichtigste Vitamin für die Regeneration dieser Schicht. Au Backe. Also geht es nicht nur um Energie, sondern auch um Baustoffe!

Wenige Tage später kam endlich das Multivitamin-Präparat. Mit Lecithin, den Injektionen und den neuen Vitaminen hoffte ich, jetzt alles zu haben. Einige Wochen vergingen. Nur, was soll ich sagen: Die große Heilung blieb aus. Der Tinnitus wurde weniger aggressiv, „dünner", und die abendliche Verschlechterung wurde deutlich kleiner – aber er blieb bei etwa 70 Prozent Verbesserung stehen. Also doch ein Erfolg. Aber nicht der erhoffte. Ich überlegte hin und her: Entweder fehlte noch ein Stoff, oder die Vitamine wurden nicht richtig aufgenommen – immerhin war mein Urin seit dem Präparat neongelb.

Der Durchbruch auf 80 Prozent

Mein Schluss: Wenn die B-Vitamine nicht richtig ankommen, muss ich sie mir wie das B12 als Injektion zuführen. Nach längerer Suche fand ich B1 und B2 als Ampullen; B3, B5 und B8 gab es nirgends als Ampulle, also bestellte ich sie als Hochdosis-Tabletten. Da saß ich also: B1, B2, B6, B9, B12 als Injektion, B3, B5, B8 als Tablette, dazu das Multivitamin und das Lecithin.

Und … YES YES YES! Von Woche zu Woche eine weitere Reduzierung. Ich glaube, es war so Monat 16 oder 17, als der Tinnitus tatsächlich nur noch zu etwa 20 Prozent übrig war – also 80 Prozent Verbesserung – und ich ihn morgens nur noch in kompletter Stille wahrnahm. Absoluter Wahnsinn. Gegen Abend wurde er zwar noch spürbar lauter, so 30 bis 35 Prozent des ursprünglichen Tons. Aber weitere Wochen vergingen, und man ahnt es schon: Er blieb wieder stehen. Der Tinnitus blieb mir treu. Ich litt kaum noch darunter – aber ich wollte ihn weghaben. Endlich wieder richtig leben, mir wieder Lautstärke zumuten, schöne Dinge erleben, die nun mal oft laut sind.

Die endgültige Heilung: Ich schüttete mich zu

Ich überlegte wieder hin und her, was noch fehlen könnte – und nahm mir die Sache mit der Myelinschicht noch einmal genauer vor. Nach Tagen des Recherchierens hatte ich alles zusammen. Es hatte sich herausgestellt, dass B12 und Lecithin viel zu klein gedacht waren. Von mir. Der Körper brauchte eine ganze Fülle weiterer Nährstoffe, um Nerven und Zellen in seinem bestmöglichen Tempo zu reparieren: Omega-3 (DHA/EPA), Aminosäuren, Vitamin C, die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K, Mineralstoffe.

Ich hab mich regelrecht zugeschüttet: zweimal wöchentlich B-Vitamin-Injektionen, drei- bis viermal wöchentlich 30 Gramm Lecithin, täglich Aminosäuren-Pulver, 3 Gramm Omega-3, hochdosiertes Vitamin C, das Mineralstoffgemisch von Life Extension, Magnesium und Zink von NOW Foods, ein Glas LaVita täglich, plus Multivitamin-Tabletten von Dr. Rath.

Das Fade-Out: Und dann war da nichts

Mit dem kompletten Nährstoff-Paket – und weiterhin so viel Stille wie möglich – veränderte sich die Dynamik endgültig. Wie schon am Anfang: Morgens, nach dem Schlaf, war der Zustand am besten. Abends wurde der Tinnitus wieder lauter. Aber die Stille fraß sich immer tiefer in den Tag: Erst war der Ton bis mittags verschwunden. Dann bis nachmittags. Die abendlichen Einbrüche wurden schwächer und kürzer.

Und dann kam der eine Morgen, den ich nie vergessen werde. Schon im Bruchteil einer Sekunde nach dem Aufwachen spürte ich: Es fühlt sich anders an in meinem Kopf. Mit klopfendem Herzen – aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten – drückte ich mir die Ohrstöpsel tief ins Ohr. Ich horchte … und da war NICHTS.

Morgens, mittags, abends – nichts mehr. Nur die Stille, die ich fast zwei Jahre nicht mehr gekannt hatte. Der Tinnitus war weg. Komplett verschwunden.

Dieses Gefühl war unbeschreiblich. Erleichterung, und ja: Genugtuung. Ich hatte nicht aufgegeben, ich hatte gegen die „Lernen Sie, damit zu leben"-Ärzte recht behalten, und am Ende nicht einmal den teuren Laser gebraucht. Mein Körper hatte es selbst repariert.

Was da in meinen Ohren genau passiert ist – warum Lärm den Ton lauter machte, warum Stille half, warum Energie und Baustoffe den Unterschied machten –, habe ich damals nur geahnt und erst Jahre später wirklich verstanden. Heute weiß ich: Es geht um die Energieversorgung der Hörzellen. Das erkläre ich auf der Seite zum lärmbedingten Tinnitus.

Was ich an diesem Morgen noch nicht ahnte: Viele Monate später sollte mein Körper durch eine ganz andere Kettenreaktion in ein schweres CFS (Chronisches Erschöpfungssyndrom) abstürzen. Aber dieses Wissen – dass man selbst das „Unheilbare" heilen kann – nahm ich mit in die nächste Hölle.

Die Geschichte ist hier noch nicht vorbei. Was nach dem ersten Triumph kam, war der eigentliche Härtetest – und der bewusste, verrückte Beweis, dass mein Modell wirklich funktioniert.

Erfolgreiche Tinnitus-Genesung – Der Albtraum ist vorbei

→ Lang-Bio Teil 2: Der Härtetest